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Celebrity Aqua

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Strategiespiele
am Beispiel der „Celebrity Culture“
der Biennale Venedig 2009

Andrea Sick, Mona Schieren

In Zeitschriften wie Vogue, Vanity Fair oder auch der deutschen GALA und Bunte werden heute Fotostrecken und Fotoalben wie Love Canal (The Art and Fashion Sets Cozy Up at a Pair of Venice Biennale Fêtes) der Previews dieses Kunstspektakels gezeigt oder zusammenfassende Artikel und Interviews mit dem Kurator, Beuschern und Künstlern publiziert. Die Celebrity Sphäre, die in einer stetigen Aktualität und immer neuen Ereignissen konkretisiert wird, benötigt notwendigerweise fortwährend neue Venues. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass das Feld der Kunst von genannten Glamourmagazinen erobert wurde und seinen Beitrag zum "Wer war da" und "Wer trägt was" leisten kann. Mit 34.000 Vip-Pässen und Presseausweisen, die eigens für die Previews der Biennale 2009 ausgestellt wurden, funktioniert dieses Ereignis exemplarisch und ist eines der weltgrößten Begegnungen von Insidern der Kunstszene, der Modewelt und anderen Promis und ihrer Beobachter. Es scheint, als ob man in Venedig den Börsenwert eines Künstlers an der Zahl seiner Party-Einladungen ablesen kann. Sicherlich hat auch die Tatsache, dass zeitgenössische Kunst in den 1990er und 2000er Jahren mehr und mehr als Investions- und Finanzanlagemöglichkeit entdeckt wurde dazu beigetraten. Gleichzeitig – und das ist der stärkere Impuls – agieren und funktionieren das System Kunst und die Celbritiy Kultur der Stars und Prominenten und die zugehörige Modeindustrie nach ähnlichen Regeln.
Es ist also unabweisbar: die unterschiedlichen Felder steigern gegenseitig ihre Effekte eines "gespannten Aufmerkens". (Walter Benjamin) Aufmerksamkeit wird hier wie da zu einem immer entscheidenderen ökonomischen Faktor und Tauschwert, der sogar dem Monetären auf kurze Sicht den Rang abläuft. Inszenierung und Auftritt sind in der Celebrity- wie in der Kunstwelt wichtige Erfolgsfaktoren des Spiels um Aufmerksamkeit (das sich im Web 2.0 als Traffic zeigt). Analogien der Prinzipien liegen auf der Hand. A la longue Durée zieht natürlich ein hohes Aufmerksamkeitskapital und auch die Erhöhung des monetären Kapitals mit sich.
Ähnliche Celebrity Effekte funktionieren auch an vielen anderen Orten bei denen Kunst, Mode und Prominente zusammentreffen: so bei all den anderen Biennalen, Manifesten, Dokumenten oder Messen. Aber Venedig bietet mit seiner Architektur, den Transportmöglichkeiten (Vaporetti, Gondeln) und der zunehmenden Musealisierung des Stadtraums eine einzigartige Kulisse für dieses „Klassentreffen“ der Kunstszene und Celebrity Welt. Durch diesen einer Filmkulisse gleichenden Stadtraum verändern sich Auftritt, Körperwahrnehmung und Gebärden seiner Besucher. Man wird stetig daran erinnert: die Comedia dell Arte wurde in dieser Stadt erfunden. Venedig lädt ein zum Spiel – zu einem Spiel, welches gerade auf der Kunst-Biennale seine Regeln stetig festelegt und überschreitet. Die Venedig-Biennale ist die "Ur-Biennale" aller Biennalen, da sie als erste Kunstleistungsschau der Nationen Vorbildcharakter für alle weiteren Veranstaltungen dieser Art zu haben scheint. So haben sich aus diesem Prototypen unterschiedliche Spielarten von Biennalen, Trienalen, Dokumenten, Manifesten herausgebildet, zu denen sich die Kunstkommunity trifft und ihren Habitus, der den der Celebrity Kultur seine Regeln abschaut, in die jeweils gastgebende Region verpflanzt (Biennalen-Nomadismus).Etablierte (Kunst)Institutionen sind bemüht sich die "Aura" der glamorösen Celebrity anzueignen, indem sie Empfänge und Veranstaltungen bei der Biennale abhalten. (beispielesweise ein Empfang der Freunde der Nationalgalerien Berlin).

Unterscheidungen von Privatheit, und Öffentlichkeit, die Sennett schon in seinem vielbekannten Buch zur Tyrannei der Intimität in den 1970er Jahren als in Auflösung befindend beschrieb, werden zunehmend ausser Kraft gesetzt. Oder anders gesagt: das so genannte Private wird als Kapital und wichtiger Faktor in das Spiel eingebracht. So sind KünstlerIn oder KuratorIn – insbesondere wenn sie am Anfang ihrer Karriere stehen - gefordert angebotene Verabredungen warzunehmen, beim Spiel der Vertrautheiten, Ausgrenzungen, Intrigen mitzuspielen und dabei nie zu wissen in welcher Rolle man sich gerade einfindet und begegnet. Gleichzeitig stellt sich das Begehren nach der „authentischen Handlung“ fortwährend zur Schau. Unabhänigkeit heißt in diesem Fall mitunter auch wiederum Regeln zu überschreiten, zum Beipsiel auch Privatheiten zu verweigern oder exzessiv auszuteilen, was aber auch schon wieder als Regel vereinahmt wird. Dieses Überienanderlagen des Privaten und geschäftlichen bzw. öffentlichen läßt sich auch aus den prekären und komplexen Abreitsverhältnissen von Künstlerinnen und Künstlern erklären: Durch den zunehmenden Konkurrenzdruck der mit einer neoliberalen Arbeitswelt einhergeht, häufige Ortswechsel, der Notwednigkeit der Selbstvermarkung verstärken sich bei KünstlerInnen und KuratorInnen zunehmend Tendenzen, dass auch bei geschäftlichen Anlässen ein privater Habitus gefordert ist. So ersetzt das Geschäftliche auch mehr und mehr das Private.