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Orientierungen

Einleitung

Im Versuch, Risse und Räume zwischen vorhandenen Disziplinen zu eröffnen, tun sich Möglichkeiten und Potenziale neuer Überschneidungen auf – auch in den Konfigurationen der Wissenselemente, die sich in diskursiver Praxis herausbilden. In den topologischen Darstellungsweisen solcher Gebilde, die Bezüge zwischen verschiedenen Denk- und Wissenskulturen herstellen – auch dort, wo sie gewesen sein könnten – , erweist sich das mustergültige Wissen in und als Fiktion, deren Verortung zu entdecken und zu erfinden ist. Denn nur dann sind Orientierungen möglich.

Für die Orientierung wird eine doppelte Funktion vorausgesetzt: die der Distanzierung, die einen Überblick ermöglicht, und gleichzeitig die der Einordnung von Fragmenten in den Kontext bzw. Verortung in einem Klassifizierungssystem. So verschafft die Orientierung als Verfahren beides: Überblick und Verortung. Sie richtet sich an etwas aus – dem Standort, sei es nun der eigene oder ein fremder, ließe sich diese Unterscheidung treffen. Hierzu bedarf es auf alle Fälle der Vergleiche, die allererst eine Topologie ermöglichen.
In dieser Textsammlung gilt es, sowohl Orientierungen zwischen den Diskursen, Technik und Medien zu schaffen, wie auch, sich in der Orientierung selbst zu orientieren. Insofern wird hier eine kartografische Anordnung verfolgt, anhand der sich eine Orientierung immer wieder ebenso verliert wie einzustellen verlangt.

Die Sammlung der Texte bildet Orientierungen zwischen den Feldern der Diskurse, den Techniken und den Medien sowie jeder Text für sich selbst auch. Die Texte zielen darauf, in Wissens- und Repräsentationsformen verändernd einzugreifen, vorübergehende Muster zu schaffen, die Orientierungen in einem Netzwerk an Bezügen – wenn auch kurzfristig – zu ermöglichen. Immer das Exemplarische vor Augen wird die Frage nach der Konstitution und Struktur von Wissen durch die Medien und Technik zum Motor für den Entwurf vielfältiger Kartografien.
Die Funktion von Fiktionen in den Wissenskulturen wird sowohl vorgeführt also auch eingesetzt in so unterschiedlichen Feldern wie der Rechtswissenschaft, Mathematik, Philosophie und Literatur. Hierdurch können Techniken des Fingierens in der Konstitution von Wissen darstellbar gemacht und Experimente ermöglicht werden.

Die Paradoxien, die Sichtbarkeiten und Muster mit sich bringen, sollen sie erkannt und dargestellt werden, werden anhand von analogen sowie digitalen kartografischen und fotografischen Verfahren erörtert. Das Muster wird in der Textsammlung sowohl als theoretische Figur wie auch als Bildlichkeit aufgesucht und konstituiert. Eine solche Konstruktion kann Fragen nach Vorgängigkeiten auf dem Feld von „Sehen“ und „Wissen“ formulierbar sowie das Scheitern der Darstellbarkeit wissen- schaftlicher Evidenz rekonstruierbar machen. Entworfene Relationen zwischen technischen Beschreibungen und philosophischen Texten können die notwendige Orientierung für eine Theoriebildung, die sich mit dem Paradox des Musters entwickelt, ermöglichen.

Die Demonstration eines „Nichtwissens“ bildet den Motor für medial erzeugte Geister. Mit einem solch potenziellen Nichtwissen lassen sich Funktionen von phänomenalen Bildungen herausbringen, mit einem Nichtwissen um ihre „Existenz“, was den Drang nach Erkenntnis nicht leugnet, aber nicht alle Forschung und Fragestellung darin erschöpft sieht, sich in ein Wissen zu transformieren, mehr sich mit ihm verknotet, verschiedene Stränge ineinander verwickelt und so Geister und andere Phänomene zum Antrieb für Erfahrungen macht, die in der Erfahrung selbst die Grenzen der Erfahrung darstellen.

Inwiefern Maschinen und automatisierte Prozesse, unabhängig von einer Selbststeuerung, in einem topografierten Feld wirksam sind und sowohl Ereignisse wie auch eingreifende Effekte seriell hervorbringen und verorten, kann die Analyse von so verschiedenen Maschinen wie der Event Kultur und des Cyberfeminismus reflektieren.

Wird nach Orientierungen zwischen Medien, Technik und Diskursen gesucht, müssen Relationen hergestellt werden, die Standortbestimmungen zum wesentlichen Faktor machen und unumwunden dahin gelangen zu fragen: Wie orientiere ich mich selbst? Eine Frage, die im Zuge der neuen Raumpolitiken, die sich auf die Unterscheidung von virtuellen und realen Räumen berufen, an Brisanz gewinnen wird.

Andrea Sick