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Was ist

Verrat?

Andrea Sick, Claudia Reiche

Wenn unhinterfragtes Vertrauen besteht und an die persönliche Freiheit geglaubt wird, kann Verrat die einzige Möglichkeit sein, durch Zerstörung Vertrauen erstmals zu rechtfertigen und Freiheit tatsächlich zu wagen. Anstandslos. Umstandslos. Trotz und wegen eines besseren Wissens – startet er, der Verräter, neu durch.

Sein Verrat lässt alles hinter sich, in einem Freiheitsrausch, der immer schon recht gehabt haben wird. Verrat ist Revolte und Treue. Denn Verrat braucht das Gewissen, um verraten zu können. Selbst wenn der Verräter sein Liebstes verrät, geschieht das allein der Freiheit zuliebe. Er handelt stets siegreich.
Der Verräter kann alles Einengende hinter sich lassen. So kann er destruieren, was immer er will. Auch sich selbst. Er kann Geheimnisse – eigene oder fremde – ausplaudern und vergessen. So kann er immer wieder ganz neu beginnen, was das Vergessen trainiert und ewige Jugend praktiziert. 1

Derjenige, der verrät, ist stets der Andere gewesen und genau daraus ist seine strahlende Kraft gezogen. Die Trägheit der Bürokratie und Institutionen ist dem unterlegen, was den Verräter immer weiter treibt. Neu beginnen, in Todesverachtung 2, das ist die einzige Bedingung seines Erfolgs. So kennt er den Zeitpunkt, wann alles über Bord zu werfen ist. Stets wird er wie jeder Verbrecher und Verführer glühende Nachfolger haben…

Verrat muss furchtlos vor möglicher Rache 3 sein und große Geheimnisse lieben, weil sie am schönsten und kunstvollsten verraten werden können. Wenn aber nun keine mehr verfügbar, nämlich schon verraten sind? Dann müssen sie wieder und wieder zumindest als Intimitäten der Langeweile erfunden werden. Ganz im Vertrauen, mit facebook, myspace, twitter, youtube scheint heute die Indiskretion bevorzugt zu werden – ein maßloser und minimalistischer Verrat. Eine Mediengesellschaft des aufgespeicherten – lässigen oder listigen – Verrats ahmt die gesetzlichen Auskunftspflichten, Überwachungen, Evaluationszwänge nach.

Uns bleibt nur mehr, in letzter Anstrengung 4 der verbrecherischen Tugend, den Verrat um seiner selbst willen zu begehen! Es heißt den Wahnsinn, die extreme Gewalt eines Verrats, das Schöpferische zu wählen!5

Verrat ist Verrat ist Verrat. Und Eros, ist eine Rose ist eine… 6

Ein Verrat – errat’s! – er ist vor allem an der eigenen Freiheit begangen 7, sonst heißt er Revolution. 8 Wir haben uns selbst verraten, sind Schöpfer und Mörder unserer Freiheit. Würden wir uns doch eingestehen, dass wir lebenslang Verräter sind! Hat uns nur der einfache Mut gefehlt, uns unseres Verstandes ohne Rücksicht auf die Konventionen zu bedienen? 9 Was nun, nach dem Ende der einst verratenen Geschichte?

Unfreiheit zeigt sich nur denjenigen, deren Verstand noch die Bedeutung von Verrat und Freiheit erträgt, ohne daran in Notwehr zu zerschellen. Gesetzt wird auf die Schwäche und Sentimentalität, auf ermattetes Einverständnis und zunehmende Erpressbarkeit der Einzelnen in einem System der Korruption. 10 Kalkuliert ist der schwindende Mut in einer kapitalistischen Ordnung, die alltäglichen, unterwürfigen Verrat an sich selbst zur Pflicht gemacht hat wie ‚Loyalität’ in jedem beliebigen Abhängigkeitsverhältnis.

Darum wagt es! Werdet maßlos! Verratet euch! Nicht die kleinen Fehler denunziert, sondern den eigenen Verrat verratet! Hic rhodos, hic salta! Loveliness extreme.


  1. „Der destruktive Charakter ist jung und heiter. Denn Zerstören verjüngt, weil es die Spuren unseres eigenen Alters aus dem Weg räumt; es heitert auf, weil jedes Wegschaffen dem Zerstörenden eine vollkommene Reduktion, ja Radizierung seines eignen Zustands bedeutet. Zu solchem apollinischen Zerstörerbilde führt erst recht die Einsicht, wie ungeheuer sich die Welt vereinfacht, wenn sie auf ihre Zerstörungswürdigkeit geprüft wird. Dies ist das große Band, das alles Bestehende einträchtig umschlingt. Das ist ein Anblick, der dem destruktiven Charakter ein Schauspiel tiefster Harmonie verschafft.“ Walter Benjamin, Der destruktive Charakter [1931–1933], in: Gesammelte Schriften, Band IV.1, Kleine Prosa, Baudelaire Übertragungen, Werkausgabe, 10. Band, Tillman Rexroth, hg., Frankfurt a. M. S. 397. 

  2. „Das Individuum, welches das Leben nicht gewagt hat, kann wohl als Person anerkannt werden; aber es hat die Wahrheit dieses Anerkanntseins als eines selbständigen Selbstbewusstseins nicht erreicht.“ Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes [1807], Frankfurt a. M. 1977, S.149. 

  3. „Du kannst deine Rachegelüste fünf oder zehn Jahre lang hegen; wenn sich dann nichts geändert hat, wenn du deine Revolution genug wiedergekäut und die Skandale zum x-ten Mal aufgezählt hast, dann kommt der Moment, wo du das ganze Ausmaß deiner Ohnmacht ermisst und dem Jüngeren antwortest, der rot vor Zorn,[...] die Betrügereien [...] entdeckt.“, André Gorz, Über das Altern [1958], in: ders., Der Verräter, Reinbek bei Hamburg 2008, S. 379. 

  4. „Français, encore un effort si vous voulez être républicains!“ Marquis de Sade, La Philosophie dans le boudoir [1795], o.O. 1948, S. 209. 

  5. ,„…’das Absolute nicht als Substanz, sondern als Subjekt auffasssen’ bedeutet also, dass wir, vor die radikale Wahl gestellt zu entscheiden zwischen dem organischen Ganzen einerseits und andererseitsdem ‚Wahnsinn’ des einseitigen Moments, das das Ganze aus den Fugen geraten lässt und zu einem ruinösen Ungleichgewicht führt, vor einer Wahl stehen, die die Struktur einer erzwungenen Wahl hat – wir müssen uns für den einseitigen ‚Wahnsinn’ und gegen das organische Ganz entscheiden.“ Slavoj Zizek, Die Nacht der Welt, Psychoanalyse und Deutscher Idealismus, Frankfurt a.M. 1998, S. 107–108. 

  6. „Color mahogany. / Color mahogany center. / Rose is a rose is a rose is a rose. / Loveliness extreme. / Extra gaiters. / Loveliness extreme. / Sweetest ice-cream.“, Gertrude Stein, Sacred Emily [1913], in: Geography and Plays, Boston 1922, S. 187. 

  7. , „Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung. Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen (naturaliter maiorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, u.s.w., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann.“ Immanuel Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? [1783], in: Was ist Aufklärung? Kant, Erhard, Hamann, Herder, Lessing, Mendelssohn, Riem, Schiller, Wieland, Ehrhard Bahr, hg., Stuttgart 1974, S. 9. 

  8. „Proletarische Revolutionen […] schrecken stets von neuem zurück vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eigenen Zwecke, bis die Situation geschaffen ist, die jede Umkehr unmöglich macht, und die Verhältnisse selbst rufen, Hic Rhodus, hic salta! Hier ist die Rose, hier tanze!“ Karl Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte [1852], in: Marx-Engels-Werke Bd. 8, Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, hg., Berlin 1977, S. 118. 

  9. „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“, Immanuel Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? [1783], in: Was ist Audklärung? Kant, Erhard, Hamann, Herder, Lessing, Mendelssohn, Riem, Schiller, Wieland, Ehrhard Bahr, hg., Stuttgart 1974, S. 9. 

  10. „Hierin ist heute die wesentliche Bedeutung des ‚Jungseins’ zu finden, nämlich dass du nichts zu verlieren hast und für dich selbst nur unbestimmte zukünftige Möglichkeit bist; es heißt weder Eigentum noch Erworbenes noch Interessen wahren zu müssen – denn solltest du welche haben, dann bist du ein frühzeitiger Alter, Erbe oder Nachfolger...“, André Gorz, Über das Altern [1958], in: ders., Der Verräter, Reinbek bei Hamburg 2008, S. 381; „Allen geht es so, da muss man eben durch, will man nicht beim Betrachten des blauen Himmels verhungern.“, André Gorz, Der Verräter [2004], Reinbek bei Hamburg 2008, S . 86.